
Die Heilige Kunigunde habe, so der unerschütterliche Volksglaube, einen Nebelschleier wie ihren Mantel über Bamberg gebreitet und so die Stadt im 2. Weltkrieg vor den Blicken und Bomben der alliierten Bomberbesatzungen bewahrt. Mit diesem immer wieder mit verklärten Augen erzählten Mythos räumte Horst Gehringer, Leiter des Bamberger Stadtarchivs, mit seinem detaillierten und sehr dichten Vortrag „Vom Kriege verschont?“ am 1. April in der Volkshochschule gehörig auf. Luftangriffe und Artilleriefeuer der vorrückenden US-Armee zerstörten viele Gebäude der mittelalterlichen Stadt. Insgesamt starben 378 Bamberger – meist Zivilisten – durch Beschuss und Bomben.
Dass Bamberg lange Zeit nicht Ziel von angloamerikanischen Bombenangriffen war, lag nicht an Kunigunde, sondern an der fehlenden Industrie. Dennoch gab es Fliegerangriffe – meist waren es „Notabwürfe“, so Gehringer, von scharf gemachten Bomben, die eigentlich Nürnberg treffen sollten – , aber wegen Schlechtwetterlagen nicht dort ausgeklinkt wurden. Eine 8 000-Pfundbombe fiel am 31. März 1944 auf Bamberg. Zwei Häuser wurden in der Kirschäckerstraße leicht beschädigt. Am 2. Januar 1945 fielen erneut Bomben auf Bamberg. Sie trafen unter anderem die Hain-, Soden- und Schützenstraße. Zum ersten Mal kostete die Bombardierung einem Bamberger das Leben.
Bei dem einem Todesopfer blieb es nicht – es sollten noch viele folgen. Verheerend waren zwei gezielte Bombenangriffe im Februar 1945. Bei einem Angriff am 14. Februar um 13.30 Uhr fielen zwischen 210 und 230 Spreng- und Stabsbrandbomben auf Bamberg. Betroffen war vor allem das Bahnhofsviertel mit Pfisterberg, Moos-, Pödeldorfer- und Zollnerstraße. Mit dem Angriff sollte die Infrastruktur mit Bahnhof und Schienen vernichtet werden. Besonders tragisch: Unter den 94 Toten waren viele Schülerinnen und Schüler auf dem Bahnhofsvorplatz, die auf ihre Schulbusse warteten.
Kunigunde half auch bei einem geradezu traumatischen Angriff am 22. Februar, bei dem insgesamt 216 Menschen starben, nicht. Kein Nebelschleier schützte die Stadt. Im Gegenteil: Die Sonne strahlte aus einem wolkenlosen Himmel, die Bomberpiloten hatten freie Sicht. Getroffen wurde erneut der Bahnhof, die Wohngebiete am Kaul- und Stefansberg sowie die Innenstadt mit Obstmarkt und Lange Straße, „Alte Maut“ und der Grüne Markt. Wie durch ein Wunder überlebten 500 Menschen, die in der Erlöserkirche Schutz gesucht hatten, einen Volltreffer. 54 Opfer waren nach einem weiteren Volltreffer eines Stollens am Stephansberg zu beklagen. Dass dieser durch Verrat getroffen worden sei, wie immer wieder mal kolportiert wurde, widersprach Referent Gehringer in seinem mit historischen Fotos bebilderten Vortrag vehement. Flughöhe, Fluggeschwindigkeit und Wetterlage ließen zielgenaue Bombardements in dieser Zeit nicht zu.
Gegen Ende des Krieges zerstörten die Nazis alle Brücken vor den heranrückenden US-Amerikaner. Deren Einnahme der Stadt nach vorherigem Artilleriebeschuss zeigte ein von Gehringer präsentierter Film. Von Hallstadt kommend kämpften sich die Soldaten über die Hallstadter Straße mit Panzern und Räumpanzer langsam vor. Am 14. April um 8.00 hat das Grauen des Weltkriegs in der Domstadt mit einem Waffenstillstand sein Ende. Gehringers ernüchterndes Resümee im vollen VHS-Saal: „ Bei einer Bilanz der Gesamtschäden im Stadtgebiet lassen schon die bloßen Zahlen aufhorchen. Mindestens 378 Menschen, überwiegend Zivilisten, kamen ums Leben. 6 800 verloren zumindest vorübergehend ihr Obdach. 3 946 Gebäude wurden nach amtlichen Berechnungen beschädigt. 276 Gebäude waren total zerstört. Ohne das hinter diesen Zahlen stehende menschliche Leid zu berücksichtigen, kann daher von einer weitgehenden Verschonung Bambergs im Zweiten Weltkrieg nicht die Rede sein.“
Thomas Pregl
